Keiner ist anders

Hier sind alle gleich!  Also irgendwie.

Die Quadratmeter sind in jeder Wohnung, bei jeder Familie und jeder alleinerziehenden Mutter gleich. Hin und wieder spiegelverkehrt, um einen Hauch Individualität vorgaukeln zu können. Der Wunsch nach einer platzsparenden Einheit. Das Sinnbild der DDR. Die gleichförmig erbauten Stahlbetonschiffe. Die sich hinter- und nebeneinander im künstlich angelegten Wiesen- und Alleenmeer die stickige Luft zum Atmen teilen. In dieser Dauerflaute dümpeln sie vor sich hin, bis die einst bunt bemalte Fassade bröckelt und sich das Nebelgrau seinen Platz an die Sonne erkämpft.

Willkommen in der Großwohnsiedlung. Willkommen im Plattenbau.

M10, P2, PH16, Typ Dresden Atrium, Q3A, SK65 etc. Das sind die unbekannten Namen der grauen Prestigeschiffe einer längst untergegangenen Epoche. Hier ist sie zuhause, die untere Mittelklasse, die Unterschicht. Das ist der Ort, an dem ich groß geworden bin. Das ist die Heimat meiner Kindheit.

So etwas Ähnliches wie erwachsen geworden bin ich auf einem Beton-Kreutzer Typ WBS-70. Ein perfekt geformter Kasten, der aus steinernen Einzelteilen zusammengesetzt wurde. Insgesamt drei dieser Kästen zierten meine Straße. Das Mittelstück dieses Dreiers war mein Block. Der meiner Familie und der meiner Freunde.

Nicht nur meine Kindheit, meine gesamte Jugend lebte ich in einem Block. Wer jetzt erwartet, ich würde schlecht über diese Zeit schreiben, der irrt. So ein Block erfüllt zwar alle bekannten Klischees, aber das war auch gut so, immerhin war ich das Klischee.

Kevin aus dem Block.

Ich kenne die Geschichten über solche Plattenbauten. Alles voller „Asozialer und Krimineller“, „Menschen, aus denen nichts mehr wird“. Ja gut, das trifft schon auf so einige zu. Aber es trifft nicht auf die drei Seelenfänger zu, in denen ich herangewachsen bin. Asozial? Im Gegenteil. Man half einander. Man reparierte gemeinsam Autos, Fahrräder und Möbel, die man vom Sperrmüll geangelt hatte. Für die Matrosen, die den Landgang zum Einkaufen nicht mehr schafften, wurde der Priesenbeutel mit gefüllt. Teilte man Medikamente, bekam man Suppe, Kuchen, Räucheraal. Jeder teilte das, was er hatte. Das heißt nicht, dass immer alle Freunde waren. Trotzdem feierte man zusammen Geburtstage auf dem Hinterhof. Und Silvester im Keller oder auf der Straße.

Keiner hatte Geheimnisse, man konnte Geheimnisse nie lange verbergen. Jeder wusste alles. Etwas zu verheimlichen führte nur zu schlimmeren Gerüchten. Und wenn der Nachbarsjunge mal wieder von der Staatsmacht nachhause geschippert wurde, denn sicherlich nicht deswegen, weil er nett gefragt hatte. In jedem Block gibt es einen selbsternannten Block-Steuermann (Block-Sheriff). Er hört und sieht alles. Er achtet auf Ordnung, Keller abgeschlossen, Flur gewischt, Schuhe nicht im Gang. Wer wann nachhause kommt und wo derjenige parkt. Danach wird alles unumgänglich dem Kapitän gemeldet (seiner Frau). Die wiederum verbreitet per technologischem Fortschritt die Information mit allen weiteren Kapitäninnen in der Platte. Und diese Information wurde wiederum an die jeweiligen ihnen untergeordneten Matrosen, mit den Worten „Wusstest du eigentlich…?“ weitergegeben.

Man wusste alles, welches Auto gefahren, welches Fahrrad gekauft und welche Unterwäsche getragen wurde. Man teilte sich Parkplätze, Fahrradräume, Treppenaufgänge und Wäscheleinen.


Kurze Anekdote :

6:30 Uhr an einem sommerlichen Sonntagmorgen.

Das Fenster auf kipp. „Inge, kommst du runter?“ hört man Petra nach oben schreien. Inge kommt auf ihren Balkon und erwidert den Ruf. Ebenso mit einem sehr lauten, sehr undeutlichem „Wa?“.

„Ob du runter kommst aufn Hof?“. Diesmal antwortet Inge, fragend, mit einem ganzen Wort: „Warum?“

„Kaffee.“

Jetzt hat auch Petra verlernt in ganzen Sätzen zu sprechen.

„Jetzt?“

„Ja verdammt nochmal, jetzt! Geh runter und haltet die Klappe“, schrei ich in das Kissen, das vorher meine Ohren verdeckte.

„Na is doch Sonntag“, Inge hat uns nun auch den Grund zum Schreien und zum Kaffeetrinken erläutert.

„Jo.“

Mit diesem „Jo“ endete dieses Sonntagsschauspiel.

Bis zum nächsten Sonntag, wo das Ganze von vorne beginnt.


Laute sinnfreie Unterhaltungen. Schreiende Nachbarskinder, die sich aufgrund einer halben Stunde, die sie gerne länger Fernsehen wollten, mit ihren Eltern über zweieinhalb bekriegen. Jede Wand, jeder Boden, jede Decke, ein eigener Radiosender. Alle übertragen etwas anderes. Uninteressantes.

Doch Ausmachen geht nicht. Das Laufen mit Hackenschuhen auf Laminat von oben. Die Klospülung von links, das Geschrei von rechts. Der Nachbar von unten klopft mit einem Besen an seine Decke (meinen Boden). „Was bitte, habe ich gemacht?“ – Man ist nie allein und irgendwer hat vergessen seinen Wecker auszumachen, jetzt piept es wieder 8 Stunden durch. Vielleicht ist der Nachbar auch einfach tot.

Im Laufe der Zeit bekam man einen sechsten Sinn für all das. Jedes Geräusch konnte man perfekt zuordnen, man wusste exakt, wo es seinen Ursprung hatte. War einmal nicht alles so wie es immer ist, überlegte man kurz, ob man mal klingeln geht. Könnte ja was passiert sein.

Man versteht sich bei Weitem nicht mit jedem, der eine Kajüte gemietet hat. Aber irgendwie passen doch alle aufeinander auf.

„Lisa, Mittag!“, „Max, komm hoch“, „Pascal-Jeremy, ab nach oben mit dir, Hausaufgaben“, die Rufe der Mütter aus dem ersten bis zum vierten Stock ändern sich wohl nie, nur die Namen werden immer schrecklicher.

Der Duft von Rotkohl und Kassler streift durch die Straße, Geschirr klirrt. Das Brutzeln auf dem Herd zu hören, man kann die spritzende Butter förmlich auf den Händen spüren. Es ist Sonntag, zwölf Uhr. Ruhe in der Straße. Alle essen, Mutti hat gekocht. Die ganze Woche arbeitet sie. Von Montag bis Freitag Ravioli. Doch nicht am Wochenende, da wird gekocht. Guten Appetit.

Morgen ist Montag, Hausaufgaben müssten gemacht werden. Doch es klingelt, alle sind unten auf dem Hof und spielen. „Ja Mutti, Hausaufgaben sind gemacht“ – Keiner legt hier sonderlich viel Wert auf die Schule. Aber sobald jemand in der Straße die Schule mit einem Abschluss der mittleren Reife meistert, dient er prompt als das offizielle Druckmittel der gesamten Nachbarschaft und für jedes Kind, das immer noch so tun muss als würde es die Schule abschließen, muss sich anhören: „Der Marvin hat das auch geschafft. Dann kannst du das schon lange.“

Ja, ja Mutti. Erst soll ich nicht so sein wie alle anderen. Ganz nach dem Prinzip, wenn er von der Brücke springt …  bla bla. Und jetzt soll ich springen? Sei bloß nicht so wie alle anderen, wird gesagt.

Außer sie sind gut in etwas, dann nimm dir gefälligst ein Beispiel.

Das Leben in einem Block kann auch hart und unglaublich nervig sein. Ein Ort voller Differenzen und Probleme. Vieler Kulturen und politischer Ansichten. Gescheiterte Menschen, die nicht mehr viel haben und darum ihre Wut an allem und jedem ablassen. Zum Leid der eigenen vier Kinder, die meist diesem schlechten Vorbild folgen. Sie machen das Scheitern ihrer Eltern zu dem Manifest ihrer Zukunft und die hasserfüllten Worte zu ihrem eigenen Dogma.

Diese drei Blöcke waren anders, na gut, vielleicht war auch vieles so wie im letzten Abschnitt beschrieben. Aber das verflog jeden Sonntag in dem Duft von Rotkohl.

Bodenständige Leute. Mit großen Problemen und wenig Geld. Die sich über die kleinen Dinge freuten. Klettern auf dem Kastanienbaum direkt vor der Tür. Auf dem Heizhausdach sitzen und Steine schmeißen. Hinterm Netto die ersten Biere mit Kumpels trinken. Heimlich auf dem nahegelegenen Spielplatz rauchen. Im Rhythmus der klirrenden Pfandflaschen tanzen.

Da sitze ich in meinen Gedanken auf einem Plastikstuhl vor der Hausnummer Elf und atme Graffiti ein.  Ich bin ein Kind aus einem Block.

Ein Kommentar zu „Keiner ist anders

Gib deinen ab

  1. Immer wieder lese ich diese geschichte und bin total begeistert.Ich erkenne alles genau wieder und fühle mich wohl dabei.Beide Daumen hoch

    Liken

Schreibe eine Antwort zu Groth ulrike Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: